Mobbing - mein Erfahrungsbericht

Hey meine Lieben! Da das Thema Mobbing euch sehr interessiert hat, möchte ich euch nun meine Erfahrung zum Thema Mobbing weitergeben. Viele halten sich mit dem Thema stark bedeckt, was ich persönlich nicht nur schade, sondern verantwortungslos finde. Mobbing ist ein ernstes Thema und wenn darüber nicht offen gesprochen werden kann, wird sich in der Gesellschaft nichts ändern, weil Mobbing Opfer sich ewig schämen werden und die Schuld bei sich suchen. Mobbing in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule, im Internet - in irgendeiner Form wird es jeden einmal getroffen haben. Klar musste auch ich ab und zu Stichelein über mich ergehen lassen doch meine ersten wirklichen Erfahrungen mit Mobbing habe ich in meiner Ausbildung gemacht.

Ich war junge 17, als ich meine Ausbildung begonnen habe - noch völlig grün hinter den Ohren, obwohl ich bis dato schon öfter mal Nebenjobs im Verkauf hatte und diese immer lustig, wenn auch anstrengend, waren. Schon an meinem ersten Tag im Ausbildungs Betrieb habe ich eine schlechte Stimmung wahrgenommen, denn niemand hat sich die Mühe gemacht, sich mir vorzustellen oder 2 Worte mit mir zu wechseln. Sofort hieß es: ,, SO kannst du das nicht machen, sag mal, spinnst du denn völlig?'', wenn ich Fehler gemacht habe. Ich entschuldigte mich für jeden Fehler mehrmals, obwohl ich gerade meinen ersten Tag im Betrieb hatte. Welpenschutz? Fehlanzeige, doch ich war hart im Nehmen und war einen härteren Tonfall gewohnt, also dachte ich mir dabei nichts weiter. Der Tonfall wurde mit den Tagen und Wochen immer schroffer, doch erst wirklich stutzig wurde ich, als meine Stundenpläne immer länger wurden und ich als einzige 12 Stunden in dem Betrieb ackerte - jeden Tag, außer an den 2 Tagen, an denen ich in die Berufsschule ging. In den Pausen wurde mir das Handy weggenommen, denn ich sollte mich weiterhin mit dem Betrieb auseinander setzen. In den Pausen wurde ich außerdem ständig angeschnauzt, für Dinge, die nichts weiter als Banalitäten waren. Die lange Arbeitszeit und der psychische Druck setzten mir so dermaßen zu, dass ich anfing verschreibungspflichtige Schmerztabletten zu nehmen, die mir meine Chefin gab. ,,So halten wir alle durch, man geht nicht wegen Kopfschmerzen Nachhause.'', sagte sie mir damals. Irgendwann fragte ich heimlich Kunden nach starken Schmerztabletten und irgendwann ließ ich sie mir vom Arzt verschreiben, der mir meine Geschichte mit den übermäßigen Kopfschmerzen kommentarlos abkaufte. Mit den Tabletten fiel es mir leichter, alles über mich ergehen zu lassen und ich hatte fast so etwas wie Spaß auf der Arbeit.

Ich mit 17 Jahren
Da ich 12 Stunden arbeitete, kam ich kaum zum essen, also aß ich Babygläschen und trank O-Saft. Es gab Tage, da ernährte ich mich wochenlang von nichts anderem außer O-Saft und Tabletten und ging am Samstag dann mit Freundinnen feiern und trank Alkohol. Irgendwann machte meine Magenschleimhaut das nicht mehr mit und ich schied sie aus. In der Ausbildung gab es eine Kollegin, die mich ganz besonders zu hassen schien. Sie nutze jede Gelegenheit, mich bloßzustellen oder fertig zu machen und immer wenn ich mit ihr Schicht hatte, versuchte ich ihr weitgehend aus dem Weg zu gehen. An einem ganz Tag war sie besonders wütend auf mich, da rammte sie mir eine Gitterbox in den Bauch und verletzte mich. Ich erzählte das meiner Chefin, die natürlich auf Seiten der Kollegin stand und mich als Lügnerin darstellte. Ich, dumm wie ich war, entschuldigte mich und sagte, ich hätte es wahrscheinlich falsch verstanden. Als ich an jenem Tag Nachhause fuhr, war ich am Ende meiner Kräfte. Da meine Arbeitsstelle ein wenig von meinem Elternhaus entfernt lag, musste ich mit dem Zug heimfahren und an jenem Tag, dachte ich das erste Mal darüber nach, wie es wäre, mich vor den Zug zu werfen statt einzusteigen. Auch privat lief es bei mir nicht gut, denn ich stürtzte mich in falsche Freunde und trank am Wochenende zu viel. Ich war ein Wrack und fühlte mich wertlos und ausgenutzt. Ich war abgemagert, hatte Augenringe und keinerlei Motivation mehr, irgendetwas in meinem Leben mehr anzupacken oder durchzuziehen. Macht mit mir doch was ihr wollt.

In dieser Nacht hatte ich starkes Herzrasen, was wohl an den Tabletten lag. Mittlerweile nahm ich auch ein starkes Antibiotikum, welches mir von dem Arzt verschrieben wurde, weil ich irgendeinen Ausschlag am Rücken bekam. Meine linke Gesichtshälfte wurde taub und ich hatte das Gefühl zu sterben. Ich entschloss mich dazu, zur Industrie & Handelskammer zu gehen, um mit dem Ausbildungsschutz über meine Arbeitszeiten zu sprechen. Dort sagte man mir, man könne dem Betrieb nichts nachweisen, da ich meine Stunden nicht aufgeschrieben hatte. Sie forderten von meinem Betrieb meine Stunden ein, die allesamt gefälscht waren: 6 Stunden, 8 Stunden ... Dabei arbeitete ich jeden Tag ausnahmslos 12! Ich fühlte mich so machtlos und unverstanden, dass ich es einfach so hinnahm und die Ausbildung nur noch beenden wollte. In der Berufsschule machten sich die Lehrer mittlerweile Sorgen, denn ich weinte oft im Unterricht leise vor mich hin. Sie telefonierten mit meinem Betrieb und wieder kamen nur Lügen auf den Tisch, doch das war mir mittlerweile alles egal. Ich hielt weitere Monate durch.
Irgendwann fing eine neue Kollegin hat. Sie war in meinem Alter, etwas kräftiger und trug immer bunten Lippenstift und Haarschmuck. Sie war ein verrücktes Huhn und ich hatte sie lieb gewonnen. Wir lachten zusammen und verstanden uns super. Sie erzählte mir von ihren Dates, denn sie wollte unbedingt wieder einen Freund haben, ich hatte die Schnauze voll von Kerlen. Ich lenkte mich mit Dates und feiern ab, doch als ich Nachhause kam, war ich wieder allein mit meinen Problemen. Ich war so verloren, dass mir keiner aus diesem Kreislauf raushelfen konnte. Weil meine Chefin merkte, wie gut ich mich mit der Kollegin verstand, schmiss sie die Stunden so um, dass ich sie kaum zu Gesicht bekam. Wenn wir dann doch mal zusammen arbeiteten, war ich im Lager und sie im Verkaufsraum oder umgekehrt. So wurde es wieder unerträglicher und ich nahm wieder mehr Tabletten. ,,Isst du mal was?'', fragte mich meine Kollegin, als ich Pause machte und sie im Lager war. Wir waren kurz allein. ,,Ich schätze .. Nicht.'', sagte ich. Sie sah mich traurig und mitleidig an und ich setzte mein ''alles-gut-mir-gehts-gut'' Lächeln auf.

An einem Abend, nach einem 12 Stunden Tag, schleppte ich mich wieder mit müden Beinen zum Zug und war froh, endlich Feierabend zu haben. Der Zug kam pünktlich um 21 Uhr und ich fuhr ein paar Stationen, als plötzlich mein Handy klingelte. ,,Hallo?'' ,,Selin, du hast den Toiletten Schlüssel mitgenommen! Kommst du bitte zurück und bringst ihn wieder?'', es war meine Chefin. ,,Herr Gott, es ist Feierabend und ich bin morgen da. Kann ich ihn nicht morgen früh wiederbringen?'' ,,NEIN, BIST DU VERRÜCKT? ICH MÖCHTE ALLE SCHLÜSSEL ZUSAMMEN HABEN.'' Ich legte kommentarlos aus und stieg in irgendeiner Gottverlassenen Haltestelle aus, um einen Zug zurück zu nehmen. Als ich wieder im Betrieb ankam, war es bereits 22 Uhr. Ich ging in den Laden, schmiss den Schlüssel auf den Tisch, schloss den Laden wieder ab und fuhr Nachhause. Die Wut in meinem Bauch köchelte wie ein alter Suppenkessel. Am nächsten Morgen sagte meine Chefin, es würde Ware fehlen und ich wäre die letzte, die gestern Abend allein hier war. Ich hätte gestohlen. Da platzte mir nach 1 1/2 Jahren so der Kragen, dass ich meinen Kittel hinschmiss und wortlos ging. Ich ging zum Arzt und meldete mich krank. Zuhause weinte ich tagelang und meine Eltern merkten, wie ernst es wirklich war.

Meine Eltern kümmerten sich um das förmliche, meldeten mich monatelang krank und bemühten sich für mich um eine neue Stelle, wo ich meine Ausbildung fortführen konnte. Zuhause erwachte ich dann endlich wieder zum leben, aß wieder normal und ließ die Tabletten weg. Ich litt noch immer sehr unter der ganzen Mobbing Situation doch in dem Wissen, dass ich da nie wieder hinmusste, lernte ich mit den Ereignissen umzugehen und diese allmälich zu verarbeiten. Doch was mein Selbstwertgefühl war gebrochen und ich fühlte mich nutzlos, wertlos und benutzt. Später erfuhr ich, dass die Filiale geschlossen werden würde und sie die Mitarbeiter entlassen mussten. Da ich in meiner Ausbildung war, mussten sie mir einen Platz woanders anbieten und um dies zu umgehen, wollten sie mir den Diebstahl unter die Schuhe schieben. Es war alles ein raffinierter Plan und ich war die Marionette gewesen. Noch heute bereue ich, nicht früher einen Schlussstrich gezogen zu haben. Meine Angst hatte mich damals so gelähmt, in erster Linie meine Angst zu versagen. 

Das war meine erste Mobbing Situation, die bis dato auch die schlimmste war. Ich wollte sie euch erzählen, damit ihr wisst, dass ihr nicht allein seid. Es kann jeden treffen und keiner ist davor sicher. Wichtig ist, zu erkennen, dass euch unrecht getan wird. Ihr müsst stark sein und für euch selbst einstehen. Damals wollten mir so viele Menschen helfen, doch ich habe ihre Hilfe nicht angenommen, weil ich nicht schwach darstehen wollte. Mobbing ist nicht eure Schuld! Ich habe mich so dafür geschämt, dabei müssten sich die Menschen schämen, die mich fertig gemacht haben! Falls ihr den anderen Leserinnen eure Geschichte erzählen wollt, die ich dann, gern auch Anonym, hier auf meinem Blog veröffentliche, schreibt mir gern eine Email: 

Eure Selin

Kommentare:

  1. Das klingt echt schrecklich! Und ich finde es nach wie vor super, wie offen du damit umgehst. Dass darüber gesprochen wird, halte ich auch für wichtig.

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  2. Echt heftig was du dort erlebt hast. Menschen können so grausam sein.

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  3. Tut mir soo Leid für dich. Richtig mutig darüber zu schreiben. Zeigt wie stark du bist. ❤️

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  4. Wow, so heftig! Unglaublich, echt! Wie konnte sie dich so behandeln?!! Echt traurig, dass du so eine fürhterliche Erfahrung machen musstest... Zum Glück bist du jetzt aus der Situation raus.
    Ich hab zum Glück noch keine Erfahrungen mit Mobbing gemacht, ich hoffe es bleibt so.
    Toll, dass du diese Geschichte mit uns geteilt hast! Respekt!
    Liebe Grüße,
    Vanessa

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  5. Traurig, dass du so etwas mitmachen musstest. Ich kenne leider viele, die Ähnliches durchgemacht haben. Ich finde es unverständlich, wie Mobbing teilweise so totgeschwiegen werden kann. Zum Glück äußern sich in letzter Zeit mehr Leute zu diesem Thema. Danke! :)

    Liebe Grüße
    Kim :)
    https://softandlovelyx.blogspot.de/

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