Wie ich gelernt habe, auch mal scheiße zu sein.


 Hey meine Lieben! Erst heute morgen passierte es wieder: Jemand völlig Fremdes pampt mich an. Um genau zu sein der Mann bei der Post, als ich in aller Eile in paar Pakete abgeben wollte. Der sah, als ich ''Guten Morgen'' gesagt hatte nicht einmal hoch und als er mit seinem Papierkram dann endlich fertig war, nahm er eine ältere Dame dran, die neben mir stand - jedoch erst 5 Minuten nach mir kam. ,,Entschuldigen Sie bitte, ich war zuerst an der Reihe.'', kam es noch in einem sehr freundlichen Ton von mir - hätte sich ja auch um ein Missverständnis handeln können. ,,Die Schlange beginnt in der Mitte, nicht Rechts!'' Normalerweise hätte die Selin der vergangenen Jahre sich hinter der älteren Dame gestellt und brav gewartet doch nicht mit mir. Nicht heute. Nicht 2018. ,,Ich war zuerst da und ich sehe nicht ein, mich hinten anzustellen.'' Zum Glück kam mir ein Kollege von ihm zur Hilfe, der meinte, er solle mich drannehmen und mich das nächste mal auf den richtigen Platz verweisen, bevor andere Kunden kommen. Innerlich noch etwas genervt hatte ich mein Recht bekommen. Doch noch als ich die Post Filiale verließ kam mir der Gedanke: Muss es denn wirklich IMMER so ablaufen? Nicht bei der Post Filiale, da steh ich doch drüber, ich meine im Leben. Bin ich die einzige, die seit ihrem ersten Schuljahr immer nur für alles kämpfen und sich immer nur rumärgern musste?

Ich war immer nett. Wenn mich Leute kennenlernten, war ''nett'' das erste, was sie über micn sagten: Die ist nett, ABER - und dann kommt das große ABER - (naiv, unerfahren, dumm, jung ...) Nett zu sein bedeutet in unserer Gesellschaft immer etwas tiefgründiges - wenn Menschen nett zu Dir sind, dann weil sie einen Vorteil in Dir sehen oder du etwas für sie tun sollst. Oder aber du flirtest, denn warum solltest du sonst nett sein? Ach ja, oder du bist dumm und naiv. Dumm und Naiv war ich tatsächlich nie, auch wenn man das meinen könnte, wenn man sich meinen Lebenslauf mal anschaut. Leider musste ich im Leben immer wieder feststellen dass nett zu sein mit dumm zu sein gleichzusetzen ist. Obwohl mich keine Aufmerksamkeit für die Kollegin, die uns verlässt, die Welt kostet, bekam ich nie mehr zurück als ein fades ''Dankeschön.'' Obwohl ich ein großes Familienessen organisiert habe, kommt nichts zurück als: ,,Der Salat schmeckt komisch.'' Und doch, irgendwo geht mir sehr wohl etwas verloren bei all der unerwierten Nettigkeit: Meine Würde. Denn am Ende bin ich doch immer die Dumme, völlig egal wie sehr ich mich bemühe. ,,Dann geb dir halt keine Mühe'', sagte meine Mutter mal. Dankeschön, Frau Mutter. Dass du mir meine ganze Jugend lang beigebracht hast, dass man nett zu älteren Leuten sein soll, immer nachgeben soll und überhaupt die Nettigkeit in Person sein soll. Und plötzlich damit aufhören? Schien mir immer unüberwindbar. Bis ...

Bis ich 2018 an einem Punkt kam, wo alles andere dämlich erschien. 2017 war ein Jahr, wo ich sehr viel geopfert habe - mich für meine Chefin beispielsweise verausgabt, nur um am Ende verarscht  von ihr zu werden. Einer Freundin in der Not geholfen habe, nur damit sie beim Umzug absagt weil ihre Cousine Geburtstag hat. Meiner alten Nachbarin Kuchen gebracht, nur damit sie mich anschwärzt weil das Treppenhaus ihrer Meinung nach nicht sauber genug war (mittlerweile habe ich einen eigenen Treppenhaus, Gott sei Dank!) Selbst zu den Exfreundinnen meiner Freude war ich immer nett, ohne zu merken, dass sie meinen Partner zurück wollten und mir einen Messer in den Rücken zu rammen. All diese wunderschönen Geschichten hatten 2018 ein Ende. Ich hatte die Schnauze voll von Naiv und Nett, auch wenn mein Glaube mich zu dieser Person erzogen hat - und meine Mutter natürlich. Ich wollte nicht mehr in einer Welt Leben, in der ich Überstunden für Kollegen machte, die mich nicht auf ihre Geburtstage einluden. 

,,Nett zu sein ist nie verkehrt.'', sagen die meisten. Doch! Sage ich. Doch, sie ist verkehrt, wenn man die einzige ist, die Nett druchs Leben geht, während einem alle, wirklich alle, ans Bein pissen. Dabei hatte ich es nie nötig, weder den Job noch die Freundin (die Ex-Freundinnen schon garnicht!) Ich habe einen wundervollen Ehemann, der mir jeden Wunsch von den Augen abliest, einen super knuffigen Hund, der mittlerweile meine beste Freundin ist, ich bin finanziell so abgesichert, dass ich mir keinerlei Sorgen um irgendwelche unerfüllten Wünsche machen muss und habe alles, wovon ich je geträumt habe. Und dennoch hatte ich schlaflose Nächte, weil ich so viel für Menschen tat, die es mir nie zurückgaben - im Gegenteil. 2018, das beschloss ich vor einigen Monaten, sollte das Jahr der neuen Selin sein. Und weil dies sich anfühlt wie als würde man 100 Kilo von sich abwerfen, möchte ich meine Leserinnen dazu aufrufen: Lasst uns gemeinsam Scheiße sein! Erzählt mir, wie ihr der meckernden Omi, die ihr normalerweise an der Bushaltestelle ignoriert hättet, gesagt habt, sie solle sich um ihren eigenen Scheiß kümmern. Sagt dem aufdringlichen Hundebesitzer, er solle seine Hunde gefälligst anleinen, wenn diese ständig euren Hund beim Gassi belästigen. Und das wichtigste von allen: Streicht Menschen, die euch enttäuscht haben. Sie werden es wieder tun.

Kommentare:

  1. Die Situation in der Post hätte haargenau bei uns so passieren können, die meisten hier - einer besonders - sind auch einfach solche richtig Idioten!
    Wirklich gut geschrieben! :) Mittlerweile habe ich meine Einstellung auch geändert und bin nicht immer nur noch "die Nette", was echt hilfreich im Leben ist :)

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  2. Ein sehr toller Post! Ich war auch immer zu nett und sehe es mittlerweile nicht mehr ein immer nett zu sein.

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  3. Ich finde, dass es schon wichtig ist, nett zu sein oder anders gesagt, Menschen "positiv" und unvoreingenommen gegenüber zu treten. Klar, wenn einem allerdings ans Bein gepisst wird, wäre ich auch nicht mehr nett. Aber ansonsten finde ich es schon wichtig, nett zu anderen zu sein. Und auch ein "Nein" zu irgendwas kann ja "nett" formuliert sein. Ich hoffe, es ist verständlich, auf was ich hinaus will. :)

    Liebst Elisabeth-Amalie von Im Blick zurück entstehen die Dinge

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